Aber diese Strategie funktioniert nur, weil Ihre Praxis für Mitarbeiter sehr attraktiv ist. Welche Empfehlungen haben Sie für Kollegen, die ihre Zahnarztpraxis in diesem Bereich verbessern und die Mitarbeiterbindung erhöhen wollen?
Es gibt eine Menge Ansätze, wie ich als Inhaber, als Vorgesetzter, die Mitarbeiterbindung erhöhen kann: Indem ich mit allen auf Augenhöhe kommuniziere, indem ich Entwicklungsmöglichkeiten anbiete und bespreche, indem ich aber auch bei der Vergütung ein angemessenes Niveau biete. Es geht um Prozesse wie regelmäßige Mitarbeitergespräche, aber noch mehr um eine Haltung, bei der die Arbeitnehmer wissen, dass sie sich auf mich verlassen können, auch in schwierigen Situationen.
Wir müssen als Arbeitgeber aus meiner Sicht auch mit flexiblen Arbeitszeiten attraktiv sein. Wir müssen damit glänzen, dass die Mitarbeiter immer wieder zu uns zurückkommen können, auch wenn sie Kinder bekommen haben, auch wenn sie nur in Teilzeit arbeiten. Denn Mütter sind super Arbeitnehmer, wenn die wieder in die Praxis einsteigen. Vielleicht kommen sie mit relativ wenigen Stunden in der Woche, vielleicht sind sie häufiger krank, aber sie bringen auch viel Power und Leistungsbereitschaft mit - und in der Regel genau die Arbeitserfahrung, die wir ja brauchen in den Praxen.
Und es geht darum, gemeinsam mit dem Team eine positive Arbeitsatmosphäre zu schaffen. Zahnarztpraxen sind kleine Unternehmen, wir können keine Incentives bereitstellen wie Amazon und Google. Aber die Arbeitsatmosphäre kann bei uns dafür deutlich familiärer sein. Dabei geht es um die persönliche Bindung, aber auch die Bedeutung des einzelnen Mitarbeiters – In einer Zahnarztpraxis können die Mitarbeiter direkt mit dem Chef zusammenarbeiten, direkt an Unternehmensentscheidungen teilhaben. Diese Relevanz des einzelnen ist, glaube ich, ein enorm wichtiger Faktor für die Mitarbeiterbindung.
Welche Rolle spielt Vielfalt für eine erfolgreiche Personalstrategie?
Eine sehr große. Es geht darum, über den Tellerrand hinauszuschauen und auch Personen mit untypischen Werdegängen oder aus anderen Branchen zu integrieren.
In unserer Praxis haben wir beispielsweise erfolgreich Quereinsteiger aus der Hotellerie und sogar Rentner eingestellt, die wertvolle Beiträge leisten, besonders in der Kommunikation und im administrativen Bereich. Diese Strategie ermöglicht es uns, den Mangel an zahnmedizinischem Fachpersonal effektiv zu umgehen und gleichzeitig eine dynamische und erfahrene Belegschaft aufzubauen.
Wir nutzen gezielte Ansprachen und zeigen, dass eine Tätigkeit in unserer Praxis attraktiv sein kann – auch für diejenigen, die ursprünglich nicht aus dem zahnmedizinischen Bereich kommen. Dies eröffnet uns Zugang zu einem breiteren Bewerberpool und hilft uns, wichtige Positionen mit kompetenten Mitarbeitern zu besetzen, die frischen Wind, Lebenserfahrung und Ruhe ins Team bringen.
Indem wir die Vielfalt im Personal fördern, erweitern wir nicht nur unsere eigene Perspektive, sondern tragen auch dazu bei, den Berufsstand insgesamt zu bereichern. Jede neu gewonnene Kraft, die bei uns Erfahrung sammelt, steht letztlich auch der gesamten Branche zur Verfügung und bringt so neuen Schwung - in den Arbeitsmarkt und in den Arbeitsalltag in den Praxen.
Haben Sie noch einen konkreten Tipp für unsere Leser, um die eigene Personalsuche zu verbessern?
Was bei uns supergut funktioniert hat: Wir haben unsere Leute beim Erstellen neuer Stellenanzeigen eingebunden und sie gefragt: „Wie würdest du versuchen, neues Personal in die Praxis zu bekommen? Was würdest du schreiben, in einer Stellenanzeige?“ Da haben natürlich nicht alle mitgemacht, aber einige Mitarbeiterinnen fanden die Frage spannend. Sie habe ich gebeten, dass sie einmal aufschreiben, wie sie die Vorteile unsere Praxis darstellen würden, welche Themen sie wichtig finden - einfach in ein paar Stichpunkten.
Und das hatte dann gleich zwei positive Auswirkungen: Die Stellenanzeigen wurden für die Zielgruppe relevanter. Und die Mitarbeiter haben gemerkt, dass ihre Erfahrung und ihre Sichtweise für die Praxis von Bedeutung sind. Genau in solchen Bereichen können wir als Praxisinhaber immer wieder punkten: indem wir das Wissen und die Perspektiven unserer Mitarbeiter ernst nehmen und auf allen Ebenen integrieren - und ihnen so Relevanz in wichtigen Aufgabenfeldern geben.
Vielen Dank für dieses Interview, Dr. Jennessen