Aerosole Zahnarztpraxis : Hygiene in Zeiten mit Corona / SARS-COV-2/COVID-19

Aerosole in der Zahnarztpraxis: Hygiene in Zeiten von COVID-19

Aerosole – nie zuvor war dieses Thema so präsent wie seit der Corona-Krise. Gerade in der Zahnarztpraxis entstehen viele dieser potenziell infektiösen Schwebstoffe. Erfahren Sie jetzt, wie Sie die Risiken einer Aerosol-Infektion mit SARS-COV-2/COVID-19 in Ihrer Praxis minimieren.

 

Mitarbeiter und Patienten einer Zahnarztpraxis sind Tröpfchen und Aerosolen in besonderem Maße ausgesetzt, so scheint es. Aber wie ist der tatsächliche Stand der Forschung und was bedeutet das für die Hygiene in der Praxis angesichts der Corona-Pandemie?

In diesem Artikel besprechen wir die Fragen, wie gut die strengen Hygienevorgaben für Zahnarztpraxen in dieser Situation schützen und wie das Praxisteam die Risiken einer Infektion durch Aerosole in der Zahnarztpraxis mit einfachen Maßnahmen und zusätzlicher Technik verringern kann.

Wie gefährlich sind Aerosole in der Zahnarztpraxis?

In der Zahnarztpraxis ist die Luftqualität mit bloßem Auge nicht erkennbar. Die Luft in der Praxis ist aber oftmals durch Feinstäube oder potenziell infektiöse Aerosole belastet, die beispielsweise bei der Prophylaxe, beim Bohren oder bei operativen Eingriffen entstehen.

Die bei der Behandlung entstehenden Spritzer oder Tröpfchen, die Krankheitserreger vom Patienten enthalten können, sinken nach kurzer Zeit zu Boden. Deshalb kann hier das Infektionsrisiko durch eine konsequente Einhaltung der vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen wie Oberflächendesinfektion, Instrumentenaufbereitung und durch persönliche Schutzausrüstung (PSA) sehr effektiv minimiert werden.

Aerosole sind dagegen Schwebepartikel in der Luft, die kleiner sind als fünf Mikrometer. Sie entstehen unter anderem beim Sprechen und Atmen – und bei verschiedenen zahnmedizinischen Behandlungen, etwa durch den Spraynebel aus dem Kühlwasser rotierender Instrumente. Aerosole können Krankheitserreger transportieren – bekannt ist dieser Übertragungsweg beispielsweise seit langem von Tuberkolose-Infektionen. Das Problem: die Aerosol-Partikel sind so leicht, dass sie für längere Zeit in der Luft stehen bleiben können. Ein sehr anschauliches Video zum Infektionsrisiko durch Aerosole haben Journalisten der Wochenzeitung Die Zeit erstellt: > Wo Atmen zum Risiko wird. Was Aerosolpartikel so tückisch macht und wie Sie sich schützen können.

Die Luftqualität in Innenräumen und insbesondere das Management von Aerosolen in der Zahnarztpraxis werden bei den strengen Hygieneauflagen, die für Zahnarztpraxen gelten, bisher nicht berücksichtigt, obwohl luftgetragene Krankheitskeime bei viralen und bakteriellen Infektionen eine große Rolle spielen können. Grundsätzlich gibt es für eine Übertragung von COVID-19 durch Aerosole in der Zahnmedizin bisher keinen direkten Nachweis, schreibt die BZÄK. Dennoch empfiehlt die BZÄK, die Entstehung und Verbreitung von dentalem Spraynebel in der Praxis zu. (Quelle: BZÄK, Stand 6/2020).

Ansteckungsgefahr durch Aerosole mit SARS-COV-2 wissenschaftlich belegt

Verschiedene Untersuchungen zum Infektionsgeschehen bei lokalen Ausbrüchen weisen darauf hin, dass Aerosole bei der Übertragung des Corona-Virus SARS-COV-2 eine wichtige Rolle spielen – je nach Situation möglicherweise sogar eine stärkere Rolle als Tröpfcheninfektionen und Kontaktinfektionen.

In einer Laboruntersuchung zur Stabilität des SARS-COV-2 Virus kamen US-amerikanische Forscher z. B. bereits im April 2020 zu dem Schluss, dass eine Aerosol-Übertragung plausibel ist und in Verbindung mit der hohen Viruslast im Rachen infizierter Personen ein hohes Übertragungsrisiko durch Aerosole nahelegt
(> Aerosol and Surface Stability of SARS-CoV-2 as Compared with SARS-CoV-1, NEJM, April 2020).

In einer weiteren Untersuchung, die im August 2020 zunächst auf einem Preprint-Server veröffentlicht wurde, konnte ein anderes Forscherteam lebensfähige SARS-COV-2-Viren aus klinisch erzeugten Aerosolen isolieren – und das in einem Abstand von bis zu fünf Metern von dem erkrankten Patienten. Das Fazit dieser Studie lautet:

“Patients with respiratory manifestations of COVID-19 produce aerosols in the absence of aerosol-generating procedures that contain viable SARS-CoV-2, and these aerosols may serve as a source of transmission of the virus.”

Auch ohne Aerosol erzeugende Behandlungen produzieren Patienten mit respiratorischen Manifestationen von COVID-19 Aerosole, die lebensfähiges SARS-CoV-2 enthalten, und diese Aerosole können als Quelle für die Übertragung des Virus dienen.

(Quelle > Viable SARS-CoV-2 in the air of a hospital room with COVID-19 patients, medrxiv, August 2020)

 

Empfehlungen zur Reduzierung des Risikos für eine Aerosol-Kontamination im Behandlungsraum der Zahnarztpraxis

Für die Reduktion des Infektionsrisikos durch Aerosole und Tröpfchen in Zahnarztpraxen während und nach der Behandlung gibt es drei wichtige Ansatzpunkte:

  • Die Kontrolle der Infektionsquellen in der Praxis.
  • Die Reduktion der Aerosol-Konzentration durch Belüftung.
  • Das Herausfiltern von Aerosolen durch Luftreinigung.

Grundsätzlich gilt: Das Praxis-Team sollte sich in seiner Präventionsstrategie nicht nur auf einen der Ansatzpunkte verlassen. Ein einzelner Schritt reduziert das Infektionsrisiko durch Aerosole jeweils um einen bestimmten Prozentsatz. Diese Infektionskontrolle ist jedoch additiv, so dass durch Hinzufügen der einzelnen Ansätze das verbleibende Risiko einer luftgetragenen Infektion verringert wird.

Es ist also ein umfassender Ansatz erforderlich, um Pathogene wie SARS-COV-2 zu kontrollieren, die sowohl berührungsbedingte als auch luftgetragene Übertragungswege nutzen können.

Die Kontrolle der Quelle von potenziell infektiösen Aerosolen in der Zahnarztpraxis

Von den drei genannten Ansätzen ist die Kontrolle der Quelle am effektivsten. Dabei geht es um die Minimierung von Behandlungsmethoden und Prozessen, bei denen Aerosole entstehen. Eine konsequente Umsetzung der vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen unterstützt das Aerosol-Management effektiv.

Eine Methode zur Kontrolle der Infektionsquelle ist der verstärkte Einsatz minimalinvasiver Restaurationstechniken, bei denen ausschließlich Handinstrumente verwendet werden. Eine weitere Option sind innovative Technologien, die die Aerosolbildung reduzieren.

Ein Beispiel ist der Einsatz eines Dentallasers für die Präparation von direkten und indirekten teilflächigen Restaurationen. Dentallaser nutzen im Gegensatz zu Bohrern einen geringeren Wasser- und Luftdruck, wodurch weniger Sprühnebel und Spritzer entstehen. Darüber hinaus gibt ein CO2-Laser Energie ab, die Bakterien und Viren abtötet. Durch die geringere Aerosolbildung aus Wassersprühnebel und die im Vergleich zu mechanischen Bohrern erhöhte virale und bakterielle Dekontamination kann ein CO2-Dentallaser ebenfalls eine Option sein.

Die mögliche Aerosolbildung kann auch durch intraorale Abformung weiter reduziert werden. Intraoralscanner ersetzen die konventionelle Abformung im Mund und reduzieren so den Einsatz einer Luft-/Wasserspritze. Der digitale Workflow, bei dem eine Bilddatei über das Internet versendet wird, minimiert im Vergleich zum Versenden eines physischen Abdrucks das Infektionsrisiko innerhalb der Praxis und im Dentallabor.

Neben Geräten, die weniger Aerosole erzeugen, sollten zusätzliche Barrieren wie Kofferdam sowie Atemschutzmasken und Gesichtsschutzschilde zur Reduzierung der Aerosolkontamination eingesetzt werden.

Die konsequente Umsetzung von Hygiene-Vorgaben unterstützt auch das Aerosol-Management

Obwohl es schwierig ist, das von Dental-Aerosolen ausgehende Risiko vollständig zu eliminieren, ist es durchaus möglich, die Ansteckungsgefahr durch luftgetragene Pathogene in der Zahnarztpraxis mit relativ einfachen Vorsichtsmaßnahmen zu minimieren. Die Basis ist dabei die konsequente Umsetzung der bestehenden Hygiene-Vorgaben.

Zum allgemeinen Risikomanagement von potentiell infektiösen Aerosolen hat die Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) eine S1-Leitlinie für Zahnarztpraxen herausgegeben, in der die aktuellen Hygiene-Empfehlungen detailliert erläutert und wissenschaftlich belegt werden > Umgang mit zahnmedizinischen Patienten bei Belastung mit Aerosol-übertragbaren Erregern (S1) Langversion (DGZMK, September 2020).

Nachfolgend einige Hinweise, welche Maßnahmen den Infektionsschutz gerade im Hinblick auf Aerosole zentral sind und wie Sie den Schutz noch erhöhen können.

Hören Sie dazu auch Hygiene-Experte Otto Wiechert und Zahnarzt Dr. Uhl im > Podcast: The „New Normal“ – Praxisalltag in Corona-Zeiten.

Mund-Nasen-Schutzmasken

Es gibt neben dem Abstandsgebot eine allgemeine Maskenpflicht für Zahnärzte, Mitarbeiter und Patienten. Eine gut sitzende medizinische Gesichtsmaske (Mund-Nasen-Schutzmaske/MNS, Operationsmaske/OP-Maske) bietet einen guten Schutz bei gutem Tragekomfort. Anders als andere Masken (Stoffmasken, Mund-Nasen-Bedeckungen) sind medizinische Gesichtsmasken Medizinprodukte und unterliegen entsprechenden Regelungen.

Noch mehr Schutz bieten FFP2-Maske (ohne Ventil). Diese Masken mit erhöhter Filterleistung werden zur Behandlung von infizierten oder erkrankten Patienten empfohlen.  Außerdem waren sie beispielsweise in Baden-Württemberg während der ersten Welle der Corona-Pandemie für Behandlungen am oder im Gesicht vorgeschrieben. Die entsprechende Corona-Verordnung ist aber seit dem 1. Juni 2020 außer Kraft (Quelle: CoronaVO Maskenpflicht Praxen).

Grundsätzlich gilt: Die Wirksamkeit einer Mund-Nasen-Schutzmaske ist nicht nur von der Filterleistung abhängig, sondern in starkem Maße von der individuellen Passform. Damit keine Atemluft an der Seite entweichen kann, ist auf einen guten Abschluss an den Wangen und am Nasenrücken zu achten. Bärte und Kotletten mindern insbesondere bei FFP2/3-Masken die Schutzwirkung.  Ergebnisse einer aktuellen Studie aus den USA weisen darauf hin, dass OP-Masken, die mit Bindebändern am Hinterkopf individuell angepasst werden können, die Aerosole signifikant besser zurückhalten als jene Masken, die mit nicht regulierbaren Gummibändern hinter den Ohren befestigt werden (Quelle: Filtration Efficiency …, Jama Network, 11. August 2020).

Augenschutz

Schützen Sie die Augen vor  den Spritzern und Aerosolen, die im Rahmen der zahnärztlichen Behandlung entstehen können. Einen guten Schutz gegen Spritzer, Tröpfchen sowie Aerosole bieten Schutzbrillen, die seitlich anliegen. Mehr Komfort beim Schutz der Augen vor Spritzern und Tröpfchen bieten transparente Gesichtsschilder. Wichtig zu wissen: Das Gesichtsschild ersetzt nicht den Mund-Nasen-Schutz.

Wie man im Praxislabor einen kostengünstigen Gesichtsschutz per 3D-Druck herstellen kann, zeigt der Beitrag >> Schutz gegen Corona aus dem 3D-Drucker.

Schutzkleidung

Tragen Sie Schutzkleidung, die jene Bereiche abdeckt, die kontaminiert werden können.

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Korrektes An- und Ablegen der persönlichen Schutzausrüstung

Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sollten dafür sensibilisiert werden, wie sie Kontaminationen beim An- und Ablegen von Schutzkleidung vermeiden. Regelmäßiges Trainieren erhöht die Sicherheit im Umgang mit der persönlichen Schutzausrüstung (PSA).

Eine umfassende Hilfestellung bietet das RKI auf seiner Seite an, einschließlich kleiner Videos und bebilderter Anleitungen zum Ausdrucken: > Hinweise zum beispielhaften An- und Ablegen von PSA für Fachpersonal (RKI, Stand 17.8.2020).

Eine gute Hilfe ist auch der > Ablaufplan zum An- und Ablegen von Persönlicher Schutzausrüstung, den die Bundeszahnärztekammer zum Download bereit stellt.

Reinigung und Dekontamination von Oberflächen

Nicht nur der Bereich um die Behandlungseinheit, sondern auch alle umliegenden Oberflächen und Gegenstände im Behandlungszimmer können kontaminiert werden. Neben Spritzern und Übertragungen durch das Berühren von Oberflächen sind hier absinkende Tröpfchen und Aerosole immer mehr im Fokus der Epidemiologen.

Eine konsequente Reinigung und Desinfektion aller Oberflächen verhindert die weitere Übertragung von Infektionen durch direkten Kontakt mit Händen und Geräten.

Belüftung zur Reduktion von Aerosolen in der Zahnarztpraxis

Eine gute Belüftung aller Räume ist zentral für die Reduktion von Aerosolen in Behandlungsräumen. Ein steter Luftzug durch geöffnete Fenster sorgt für einen Austausch der Raumluft und wird von vielen Experten empfohlen, beispielsweise von Prof. Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Charité Berlin (>> Zum Nachlesen oder -hören unter anderem in Folge 40 des NDR-Podcasts „Das Coronavirus Update“).

Auch das Robert-Koch-Institut unterstreicht immer wieder die Bedeutung des Luftaustausches zur Reduktion von Aerosolen gerade in Räumen mit Publikumsverkehr:

„Generell können Aerosole durch regelmäßiges Lüften bzw. bei raumlufttechnischen Anlagen durch einen Austausch der Raumluft unter Zufuhr von Frischluft (oder durch eine entsprechende Filtrierung) in Innenräumen abgereichert werden.“

(Quelle: RKI, Infektionsschutzmaßnahmen FAQ, Stand 13.8.2020)

Entsprechend sollten die Behandlungszimmer zwischen zwei Patienten gründlich gelüftet werden. Unterstützend können Ventilatoren vor geöffneten Fenstern eingesetzt werden, um diesen Luftaustausch zu beschleunigen.

Luftreinigungs-Systeme und Filter für die Praxishygiene

Luftreinigungs-Systeme können als eine effektive Maßnahme zur Ergänzung der genannten Hygienemaßnahmen eingesetzt werden.

Filtersysteme zur Reinigung der Luft saugen fortwährend verunreinigte Raumluft an und leiten saubere, gefilterte Luft in jeden Raum. Die die Stand- oder Wandgeräte sind für verschiedene Einsatzbereiche und Raumgrößen erhältlich. Sie säubern die Luft durch eine Kombination verschiedener Filter (z. B. HEPA, MERV, Aktivkohle) und Technologien (z. B. UV-Bestrahlung, photokatalytischer Oxidation, Ionisierung).

Für die Behandlung durch Zahnärzte und vor allem zahnmedizinische Prophylaxe-Assistenten eignen sich extraorale Absaugsysteme. Diese Geräte können bis zu 99 % der erzeugten Aerosole, die aus dem Mund des Patienten austreten, direkt am Behandlungsstuhl auffangen – sofern sie korrekt platziert sind.

Umfassende Informationen finden Sie in unserem aktuellen Beitrag > Viren in der Atemluft – wie moderne Luftreiniger in Ihrer Zahnarztpraxis schützen. oder anhand eines Beispiels in unserem Artikel > Der Viruskiller von Radic8 – Interview zu Luftreinigern für die Praxis

 

 

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