Die professionelle Zahnreinigung entwickelt sich stetig weiter – zwischen klassischen Poliertechniken und modernen Pulverstrahlverfahren müssen Prophylaxe-Teams jeden Tag entscheiden, welche Methode bei welcher Patientin oder welchem Patienten sinnvoll ist. Birgit Schlee, Dentalhygienikerin, Praxistrainerin und langjährige Prophylaxe-Expertin, erklärt, worauf es ankommt: von der Materialauswahl über den Workflow bis zu Patientenkomfort, Hygiene und nachhaltigem Arbeiten.
Frau Schlee, viele Prophylaxe-Teams fragen sich, wann sie eher zur Politur und wann zum Pulverstrahlen greifen sollten. Wie unterscheiden Sie die Einsatzbereiche?
Eine ganz klare Linie gibt es nicht. In einer vollständigen Prophylaxe-Sitzung – sei es als klassische professionelle Zahnreinigung (PZR) oder im Rahmen der unterstützenden Parodontitis-Therapie (UPT) – können beide Verfahren kombiniert werden. Wichtig ist, dass man die Indikationen und Kontraindikationen kennt. Je nach Belagssituation, Empfindlichkeit und individuellem Risiko wird entschieden, welche Methode sinnvoll ist. Es geht weniger um ein Entweder–oder, sondern vielmehr darum, beide Ansätze verantwortungsvoll miteinander zu verbinden.
Ein Aspekt, der oft unterschätzt wird, ist die Materialauswahl bei Polierinstrumenten. Welche Rolle spielen Härtegrade und Materialien?
Eine sehr große. Die Politur ist seit über hundert Jahren Teil der Prophylaxe und entsprechend vielfältig ist die Materialpalette. Für freiliegende Zahnhälse oder Wurzeloberflächen verwende ich grundsätzlich weiche Polierkörper. Farbmarkierungen helfen dabei, sich schnell zu orientieren – hellere Farben stehen meist für weichere, sanftere Kelche oder Flammenformen. Auch die Polierpaste ist entscheidend: Für sensible Oberflächen eignen sich niedrige Abrasionswerte (>5), bei moderaten Verfärbungen selbstreduzierende Pasten oder mittlere RDA-Werte, und bei hartnäckigen Fällen eben härtere Kombinationen. Der Anpressdruck beeinflusst die Abrasivität zusätzlich – je stärker, desto abrasiver.
Wichtig ist auch die Materialzusammensetzung: die Polierkörper sind idealerweise latexfrei und frei von BPA. Nylonbürstchen haben sich sehr bewährt, da sie hygienisch, stabil und in verschiedenen Härtegraden einsetzbar sind. Sie eignen sich sowohl zur Entfernung extrinsischer Verfärbungen, reinigen der Fissuren, als auch die Weichen für das Einarbeiten von Wirkstoffen wie Hydroxylapatit oder Fluoriden.
Wie bauen Sie einen effizienten PZR-Workflow auf – vom Entfernen harter Beläge bis zur abschließenden Politur?
Es gibt zwei grundsätzliche Herangehensweisen: ein standardisiertes Konzept wie die Guided Biofilm Therapy (GBT) oder ein individuell zusammengestelltes Vorgehen. Beide können hervorragende Ergebnisse liefern. Wichtig sind ein gut geschultes Team, zuverlässige Geräte und Instrumente in optimalem Zustand. Nur so entsteht ein Workflow, der effizient ist, wirtschaftlich bleibt und gleichzeitig ein angenehmes und qualitativ hochwertiges Behandlungserlebnis bietet.
Beim Pulverstrahlverfahren gibt es viele Pulverarten. Worauf achten Sie bei der Auswahl?
Die Anamnese kommt immer zuerst. Nur wenn ich weiß, was ich vor mir habe, kann ich pulverbezogen sicher entscheiden. Die Anwendungstechnik ist genauso wichtig wie das Pulver selbst: Arbeitsdauer, Strahlwinkel, Abstand, Absaugtechnik. Stark abrasive Pulver setze ich nur sehr selten ein – ausschließlich supragingival, bei gesundem Schmelz und immer mit anschließender Politur. Feine Pulver wie Glycin, Erythritol, Trehalose oder Tagatose sind dagegen heute im Prophylaxe- und PA-Alltag vielseitig einsetzbar. Sie ermöglichen ein schonendes, effektives Biofilmmanagement und lassen sich supra- wie subgingival anwenden.
Viele Patientinnen und Patienten haben Angst vor Schmerz oder Sensitivität. Wie lässt sich der Komfort während der Behandlung erhöhen?
Ein gutes Prophylaxegerät mit individuell einstellbarem Druck, Wasser- und Pulverfluss ist ein großer Vorteil. Für empfindliche Patientinnen und Patienten ist warmes Wasser oft eine echte Erleichterung. Postoperative Sensitivität lässt sich durch niedrigabrasive Pulver und eine korrekte Technik stark reduzieren. Ergänzend arbeite ich gern mit Feinpolituren, Hydroxylapatit, fluoridhaltigen Pasten, Fluoridlacken oder pflegenden Ölen – das unterstützt die Regeneration gut.
Zur Person
Birgit Schlee ist Dentalhygienikerin mit mehr als 30 Jahren Erfahrung im Bereich Prophylaxe und PA in der Zahnmedizin. Mit ihrem Unternehmen Schlee Dentalhygiene hat sie sich auf Schulungen und Seminare sowie Fachberatung für dentalmedizinische Produkte, Instrumente und Materialen spezialisiert.
Wie bewerten Sie die Bedeutung von Fluorid für die Prophylaxe?
Die aktuellen S3 Leitlinien auf dem Stand von Juli 2025 bestätigen, dass Fluorid weiterhin ein wichtiger Baustein der Kariesprävention ist, weil es die Remineralisation unterstützt und die Zahnoberflächen widerstandsfähiger macht. Gleichzeitig ist mir wichtig zu betonen, dass Fluorid nur ein Teil eines umfassenden Präventionskonzeptes ist. Ohne konsequente mechanische und chemische Biofilmkontrolle, eine ausgewogene Ernährung, Speichel als natürlichen Schutzfaktor, Putztrainings, Indizes und gegebenenfalls Versiegelungen lässt sich Karies langfristig nicht vermeiden.
Fluorid ist vor allem bei Risikopatienten und Patientinnen sinnvoll, während bei gut kontrollierter Mundhygiene auch Alternativen wie Hydroxylapatit oder bioverfügbares Kalzium Phosphat eine Rolle spielen können. Entscheidend ist immer das individuelle Risiko – nicht ein einzelner Wirkstoff.
Welche Qualitätskriterien müssen bei Handinstrumenten und Arbeitsspitzen beachtet werden, um eine optimale Behandlungsqualität sicherzustellen?
Handinstrumente sollten regelmäßig auf Schärfe, Winkel und Arbeitslänge geprüft werden. Bei Ultraschallspitzen ist die Arbeitslänge entscheidend: Schon ein Millimeter Abnutzung bedeutet rund 25 Prozent Leistungsverlust. Das führt zu längeren Behandlungszeiten, mehr Druck und damit mehr Schmerzen und höherem Substanzabtrag. Diese Kriterien sind deshalb kein optionaler Aufwand, sondern ein direkter Beitrag zur Behandlungsqualität und -quantität.
Prophylaxe-Fortbildungen mit Birgit Schlee
Birgit Schlee bietet regelmäßig praxisnahe Fortbildungen für Professionelle Zahnreinigung (PZR) und für Unterstützende Parodontaltherapie (UPT) an. Themen sind unter anderem biologische Prophylaxe, sicherer Einsatz von Politur und Pulver und die Entwicklung von Prophylaxe-Teams zu Prophylaxe-Profis. Teilnehmende haben die Möglichkeit alle Bausteine der PZR oder UPT direkt zu üben.
Welche Empfehlungen geben Sie Prophylaxe-Teams für Mund- und Interdentalpflege nach der PZR?
Alles beginnt mit einer gründlichen Diagnostik. Die Wahl der Mundpflegeprodukte muss immer risikoorientiert erfolgen – Mundtrockenheit braucht andere Empfehlungen als Kariesrisiko oder Parodontitis. Nach PA-Erkrankungen verändern sich die Interdentalräume oft, sodass von Zahnseide auf Interdental oder Einbüschelbürstchen gewechselt werden muss. Die Recall-Abstände richten sich ebenfalls nach individueller Risikoeinschätzung. Wichtig ist nur, dass wir Patientinnen und Patienten erklären, warum die Abstände variieren. Transparenz schafft Vertrauen.
Wohin entwickelt sich die Prophylaxe insgesamt?
Ich sehe die Zukunft nicht im Gegeneinander von Politur und Pulver, sondern in zwei grundlegenderen Entwicklungen: Ergonomie und Nachhaltigkeit. Die Arbeitsbelastung in Prophylaxe-Teams steigt, die Taktung wird höher – ergonomisches Arbeiten ist essenziell, damit Mitarbeitende gesund bleiben. Gleichzeitig gehören nachhaltige Produkte und ein effektiver Workflow heute fest in jede Praxis. Das ist kein Trend, sondern Verantwortung gegenüber den Patientinnen und Patienten, dem Team und unserer Umwelt.
Danke für das Interview, Frau Schlee.
Fazit: Politur und Pulver in der Prophylaxe gezielt kombinieren
Politur und Pulverstrahl sind bei einer professionellen Zahnreinigung keine Gegenspieler. Richtig indiziert, sauber angewendet und gezielt kombiniert sind sie Werkzeuge für eine schonende, effiziente und patientenorientierte Prophylaxe. Den Unterschied machen die Materialien, ein eingespielter Workflow, gut geschultes Personal, eine systematische Instrumentenpflege und die individuellen Empfehlungen für die häusliche Mundpflege. So bleibt die Behandlung angenehm und qualitativ hochwertig.
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