Wer macht was, wenn ein Patient plötzlich kollabiert? Um in lebensbedrohlichen Situationen bestmöglich helfen zu können, ist Notfallmanagement unverzichtbar. Worauf es ankommt und wie Zahnarztpraxen das passende Konzept entwickeln können, erläutert Christian Pokall, Erste-Hilfe-Ausbilder beim Deutschen Roten Kreuz.
Herr Pokall, Sie schulen Zahnärzte und ihre Praxisteams seit vielen Jahren im Notfallmanagement. Gibt es bestimmte Probleme, die Ihnen häufig begegnen?
Viele Praxisteams sind überrascht, wie komplex das Notfallmanagement ist. Nach einem Notfall stellen sie manchmal fest, dass die Prozesse nicht rundliefen, etwa weil große Hektik entstand und mehrere Leute das Gleiche gemacht haben. Deshalb ist es so wichtig, dass Praxen ihren individuellen Verfahrensweg festlegen und beherrschen. Es muss klar sein, wer was in welcher Situation macht – denn im Notfall habe ich keine Zeit zu überlegen.
Welche Rollen sind im Notfallmanagement in der Zahnarztpraxis zu besetzen?
Ich brauche eine gewisse Zahl an Personen, um adäquat helfen zu können. Die Teamaufstellung hängt von der Praxisstruktur ab. Es gibt Praxen, die in normalen Wohnhäusern untergebracht sind. Da brauche ich jemanden, der die Haustür im Auge behält – oder noch besser jemanden, der unten steht und die Rettungskräfte in Empfang nimmt. Eine weitere Person muss die Patienten aus dem Wartezimmer nach Hause schicken.
Gleichzeitig ist eine Stuhlassistenz nötig, um den Arzt bei der Versorgung des Patienten zu unterstützen, sowie eine Person, die den Notruf absetzt. Und im ungünstigsten Fall habe ich auch noch Angehörige des Patienten, die ich betreuen muss, zum Beispiel wenn ein Kind im Behandlungsstuhl kollabiert und die Eltern im Wartezimmer sitzen.
Bei großen Praxen finden sich dafür bestimmt genug Personen. Doch wie können kleine Praxen vorgehen?
Ich brauche mindestens drei Leute. Der Zahnarzt betreut den Notfallpatienten, eine Stuhlassistenz reicht ihm das medizinische Equipment. Eine weitere Person setzt den Notruf ab, stellt das Telefon auf laut und bringt es zum Notfallort, damit der Zahnarzt mit dem Rettungsdienst kommunizieren kann. Danach ist diese Person wieder frei und kann andere Aufgaben angehen. Ist die Praxis zum Beispiel in einem Ärztehaus untergebracht, kann sie versuchen, sich dort Unterstützung zu holen – etwa, indem sie Fachärzte um internistische Hilfe bittet.
Was sind typische allgemeinmedizinische Notfälle – und wie sollten Praxisteams reagieren?
Typische Fälle sind allergische Schocks, Unterzuckerung oder Schlaganfälle und Herzinfarkte. Hier gilt: Der Zahnarzt muss keine Diagnose stellen, sondern Symptome erkennen und Maßnahmen ergreifen, um den Patienten zu stabilisieren, bis der Rettungsdienst da ist. Erfreulicherweise sind schwerwiegende allgemeinmedizinische Notfälle selten. Gerade deshalb ist es wichtig, sich nach einem Notfall Zeit für die Reflexion im Team zu nehmen.
Welche Notfallausrüstung braucht eine Zahnarztpraxis?
Um im Notfall direkt handeln zu können, ist eine Notfalltasche mit vorgefertigten Modulfächern notwendig. Der Zahnarzt und die helfenden Personen müssen genau wissen, was wo drin ist und wie sie das jeweilige Material anwenden. Grundsätzlich gilt: Zahnärzte sollten nur Materialien vorhalten, die sie in der jeweiligen Notfallsituation sicher beherrschen. Eine Standardausrüstung im Bereich Diagnostik ist aber auf jedem Fall unverzichtbar. Wichtig auch: regelmäßig, etwa alle sechs Wochen, zu prüfen, ob das Equipment noch funktionsfähig ist.
Der Behandlungsstuhl ist ein schwieriger Notfallort. Woran liegt das?
Ich brauche eine Strategie, um den Patienten aus dem Behandlungsstuhl herauszubekommen, gerade bei engen Räumen. Oft ist eine bewusstlose Person zu schwer, um sie direkt aus dem Stuhl zu heben. Dann kann ich den Stuhl so tief wie möglich stellen, um sie mit den Füßen voran aus dem Stuhl zu ziehen. Das kann aber nur funktionieren, wenn ausreichend freier Platz rund um den Stuhl ist.
Warum sind Fortbildungen zum Notfallmanagement so wichtig für den Zahnarzt?
Notfallmanagement lässt sich nicht von der Stange kaufen. Der jeweilige Prozess muss anhand praxisindividueller Faktoren, wie etwa der genannten Personalstruktur, festgelegt werden. Diese Konzepte erarbeiten wir in den Fortbildungen, die wir in den Dentalen Informations Centern von Henry Schein Dental anbieten. Die Notfallkurse ergänzen die gemäß Arbeitsschutzbestimmungen verpflichtenden Erste-Hilfe-Schulungen, bei denen es darum geht, das Überleben der Patienten zu sichern.