
CBCT, KI und NiTi: Wie moderne Technologien die Endodontie verändern – Interview mit Prof. Gambarini
Prof. Gambarini, wie hat CBCT Ihren diagnostischen Workflow im Vergleich zur klassischen 2D‑Bildgebung verändert?
Die Einführung der CBCT‑Bildgebung hat die endodontische Diagnostik deutlich vorangebracht, insbesondere im Hinblick auf die Diagnosesicherheit und das Verständnis komplexer anatomischer Situationen. Durch die dreidimensionale Darstellung lassen sich Pathologien präziser beurteilen und Differentialdiagnosen besser absichern, was sich unmittelbar auf die klinische Entscheidungsfindung auswirkt.
Besonders hilfreich ist CBCT bei der Diagnostik von Wurzelfrakturen sowie bei der Beurteilung stark kalzifizierter Kanäle. Das Ausmaß der Kalzifikation lässt sich besser einschätzen, was die Entscheidung unterstützt, ob und in welchem Umfang eine Behandlung sinnvoll ist. In vielen Fällen können typische radiologische Frakturmuster zudem klarer dargestellt werden, was die Planung erleichtert.

Darüber hinaus beeinflusst CBCT auch die Behandlungsqualität und die Prognose. Viele endodontische Misserfolge sind darauf zurückzuführen, dass Kanäle übersehen werden, etwa ein nicht detektierter MB2‑Kanal oder andere atypische anatomische Varianten.
Eine präoperative CBCT‑Aufnahme bietet dabei zwei wesentliche Vorteile: Zum einen ist die Anzahl der zu behandelnden Kanäle bekannt, zum anderen lassen sich deren Lage und Verlauf deutlich besser nachvollziehen. Dies ist insbesondere bei stark kalzifizierten Kanalsystemen hilfreich. Zusätzlich kann CBCT mit Technologien wie statischen Bohrschablonen oder dynamischer Navigation kombiniert werden, wodurch sich die Präzision bei der Kanalauffindung weiter erhöhen lässt.
Welche Fehler bei der Kanalpräparation können durch moderne Technologien vermieden werden?
Moderne bildgebende Verfahren, insbesondere CBCT, sind nicht nur für die Diagnostik, sondern auch für die präoperative Planung von großem Nutzen. Gerade bei stark kalzifizierten Kanälen trägt die dreidimensionale Darstellung dazu bei, das Risiko von Perforationen und anderen iatrogenen Komplikationen deutlich zu reduzieren.
Ein weiterer relevanter Aspekt ist das bessere Verständnis komplexer Kanalverläufe. In Fällen mit konfluierenden Kanälen treten im Bereich der Kanalzusammenführung häufig starke Krümmungen auf. Nach unserer Erfahrung ist ein erheblicher Teil instrumentenbedingter Frakturen auf genau diese anatomische Situation zurückzuführen, da sie für NiTi‑Instrumente besonders belastend ist. Durch die 3D‑Analyse lassen sich solche Risikobereiche bereits vor der Instrumentierung erkennen.

Auch verborgene Krümmungen werden mithilfe von CBCT sichtbar. Dies ermöglicht es, viele iatrogene Fehler während der Präparation zu vermeiden. Perspektivisch eröffnet die Technologie zudem weitergehende Möglichkeiten: So könnte die Kanalgeometrie zukünftig detaillierter analysiert werden, um für jeden Fall gezielt das passende Instrumentensystem, die optimale Sequenz und die geeignete Bewegungskinematik auszuwählen.
Darüber hinaus besteht das Potenzial, die Anzahl intraoperativer Röntgenaufnahmen zu reduzieren und die initiale Bestimmung der Arbeitslänge weniger abhängig von Apex‑Lokatoren zu machen, da präoperativ bereits sehr präzise Längenangaben vorliegen.
Welche Rolle spielen KI‑gestützte Planungstools heute bereits in der Endodontie?
KI‑gestützte Planungssysteme entwickeln sich zu einem zunehmend relevanten Thema in der Endodontie. Mit Blick in die Zukunft können sie die diagnostische Einschätzung unterstützen, insbesondere bei der Analyse radiologischer Befunde und bei der Entscheidungsfindung, ob ein Fall selbst behandelt oder überwiesen werden sollte.
Der derzeitige Nutzen hängt jedoch stark von der zugrunde liegenden Bildqualität ab. Es besteht ein deutlicher Unterschied zwischen Anwendungen, die ausschließlich zweidimensionale Bilddaten nutzen, und solchen, die auf dreidimensionalen Datensätzen basieren. Für eine präzise und zuverlässige Diagnostik werden qualitativ hochwertige 3D‑Bilddaten in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen.

Ein wesentlicher Vorteil künstlicher Intelligenz liegt in ihrer Fähigkeit, aus einer großen Anzahl von Fällen zu lernen. Auf diese Weise entsteht eine Form von Erfahrung, die ein einzelner Behandler im Laufe seiner beruflichen Tätigkeit nicht vollständig erwerben kann. KI‑Algorithmen sind zudem in der Lage, sehr feine radiologische Veränderungen zu erkennen, etwa frühe Hinweise auf Wurzelfrakturen, teilweise mit einer höheren Reproduzierbarkeit als die rein visuelle Beurteilung durch den Menschen.

Voraussetzung für verlässliche Ergebnisse ist jedoch stets eine hohe Qualität der Eingangsdaten. Je besser die Bildgebung, desto aussagekräftiger sind die KI‑basierten Analysen. Die vorgeschlagenen Diagnosen müssen dabei immer durch den behandelnden Zahnarzt überprüft und bestätigt werden. Perspektivisch ermöglichen KI‑gestützte Systeme zudem eine umfassendere Bewertung, die über die reine Diagnose hinausgeht und auch prognostische Aspekte berücksichtigt, was die Kommunikation mit dem Patienten erleichtern kann.
Welche Bedeutung hat die laseraktivierte Spülung bei komplexen endodontischen Fällen?
Die Aktivierung der Spülung hat in der Endodontie in den letzten Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. Ziel der Spülung ist es, Gewebereste und Debris aus dem Wurzelkanalsystem zu entfernen und die bakterielle Belastung zu reduzieren. Da mechanische Instrumente nicht in der Lage sind, allen dreidimensionalen Strukturen des Kanalsystems zu folgen, kommt der Spülung gerade in diesem Kontext eine zentrale Rolle zu.
Dies betrifft insbesondere Bereiche wie Isthmen oder laterale Kanäle, die instrumentell nicht oder nur unzureichend erreicht werden können. In solchen Situationen ist die Effektivität der Spülung entscheidend: Je besser die Spülwirkung, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eines positiven Behandlungsergebnisses. Unterschiedliche Aktivierungsmethoden können die Wirksamkeit der Spüllösungen erhöhen, wobei laseraktivierte Verfahren in den vergangenen Jahren zunehmend eingesetzt wurden.

Studien zeigen, dass die laseraktivierte Spülung die Effektivität konventioneller Spüllösungen steigern kann. Im Vergleich zu anderen Aktivierungstechniken sind die Investitionskosten höher, der klinische Nutzen ist jedoch insbesondere dann relevant, wenn der Laser auch für weitere Indikationen eingesetzt wird. Entscheidend ist in jedem Fall eine kontrollierte Anwendung, da eine zu hohe Energieabgabe zu einer apikalen Extrusion der Spüllösung führen kann.
Inwieweit vereinfachen biokeramische Sealer die Behandlung?

Biokeramische Sealer stellen einen wichtigen Fortschritt in der Obturation des Wurzelkanalsystems dar. Bei klassischen Verfahren mit Guttapercha und konventionellen Sealern war die Behandlung häufig komplexer und weniger vorhersehbar, da diese Sealer den Schwachpunkt des Systems darstellten und Guttapercha nicht an den Kanalwänden haftet.
Mit der Einführung biokeramischer Sealer hat sich dieser Ansatz grundlegend verändert. Aufgrund ihrer Eigenschaften – darunter eine leichte Expansion beim Abbinden, antibakterielle Effekte, Bioaktivität, die Fähigkeit zur Aushärtung in feuchter Umgebung sowie eine hohe Biokompatibilität – haben biokeramische Sealer heute eine zentrale Bedeutung bei der Obturation.

Ein zentraler Aspekt ist dabei die Möglichkeit, eine hydraulische Zentralstift-Technik anzuwenden. Diese Technik ist auch in komplexen Fällen hilfreich, da keine sehr präzise Anpassung des Konus im Kanal erforderlich ist. Ein ausgeprägter Tug‑back ist nicht notwendig, da der Sealer das funktionell entscheidende Füllmaterial darstellt.
Die Guttaperchsspitze dient in diesem Zusammenhang primär als Trägermedium für den Sealer und verbleibt im Kanal als potenzieller Zugangsweg für eine spätere Revision.
Wo sehen Sie das größte Potenzial wärmebehandelter NiTi‑Instrumente im Praxisalltag?
Wärmebehandelte NiTi‑Instrumente unterscheiden sich deutlich von früheren, austenitischen, superelastischen Feilen, die nicht vorgebogen werden konnten und teilweise ohne Vorwarnung frakturierten. Bei den aktuellen wärmebehandelte NiTi‑Systemen kommen unterschiedliche, herstellerspezifische Wärmebehandlungsprozesse zum Einsatz. Deren Intensität beeinflusst das mechanische Verhalten der Instrumente maßgeblich.

Grundsätzlich führt eine intensivere Wärmebehandlung zu einer erhöhten Flexibilität und zu einer verbesserten Ermüdungsresistenz. Dadurch können die Instrumente Krümmungen besser folgen und die ursprüngliche Kanalform zuverlässiger erhalten. Auch die reduzierte elastische Rückstellkraft trägt dazu bei, iatrogene Abweichungen zu minimieren.
Ein weiterer klinisch relevanter Aspekt ist, dass HT‑NiTi‑Instrumente unter Belastung häufig zunächst plastisch deformieren, bevor es zur Fraktur kommt. Dieses sichtbare „Unwinding“ dient als Warnsignal und ermöglicht es dem Behandler, das Instrument rechtzeitig auszutauschen.
Welche Eigenschaften moderner HT‑NiTi‑Instrumente sind bei komplexer Anatomie besonders relevant?
Aufgrund ihrer Flexibilität sowie der erhöhten Ermüdungsresistenz eignen sich wämebehandelte NiTi‑Instrumente besonders gut für komplex anatomische Situationen, insbesondere bei ausgeprägten Krümmungen oder schwer einsehbaren Kanalverläufen. In stark kalzifizierten Kanälen ist der Unterschied zu nicht wärmebehandelten Instrumenten geringer; dennoch kann die sichtbare Verformung unter Belastung einen relevanten Sicherheitsvorteil darstellen.

Durch die reduzierte elastische Rückstellkraftnfolgen HT‑NiTi‑Instrumente komplexen Krümmungen besser. Dadurch wird das Risiko von Perforationen, Stufenbildungen und apikaler Blockierung reduziert. Auch das Design der Instrumentenspitze spielt dabei eine Rolle, da zu aggressive Spitzen iatrogene Fehler begünstigen können. Insgesamt ermöglichen moderne wärmebehandelte NiTi‑Instrumente eine kontrolliertere, sicherere und besser vorhersehbare Kanalpräparation.
Vielen Dank für das Interview!

Zur Person
Prof. Gianluca Gambarini, MD, DDS, ist Professor und Leiter der Abteilung für Endodontologie an der Universität Rom „La Sapienza“, wo er zudem den postgradualen Masterstudiengang Endodontologie leitet. Er ist Autor von mehr als 500 wissenschaftlichen Publikationen und international als Referent im Bereich der Endodontie tätig.
Der internationale Dozent und Forscher arbeitet mit verschiedenen Herstellern an der Weiterentwicklung endodontischer Materialien und Technologien und nimmt führende Funktionen in internationalen endodontischen Fachgesellschaften wahr, unter anderem als Präsident‑elect der European Society of Endodontology (ESE). Neben seiner universitären Tätigkeit führt er eine auf Endodontologie spezialisierte Privatpraxis in Rom.




